In zehn Jahren gibts nur noch Neufahrzeuge mit Stecker!

Interview im Bärnerbär, geführt von Peter Widmer

Mit welchen Verkehrsmitteln sind Sie persönlich unterwegs?

In den letzten Jahren am liebsten mit dem elektrischen Lastenvelo. Es ist sehr praktisch, damit die Kinder transportieren zu können. Zweimal die Woche benütze ich den öffentlichen Verkehr, zweimal das Auto und einmal radle ich mit dem Rennvelo nach Bern und zurück – vor Corona, wohlgemerkt.

Sie sagten einmal zu Ihrer Tätigkeit in der Mobilitätsakademie: "Wir prognostizieren die Zukunft nicht – wir gestalten sie!" Das tönt vorsichtig.

Eine Prognose, Forecasting, ist die Weiterführung dessen, was in der Vergangenheit passiert ist, also die Fortführung eines Trends. Prognosen sind eigentlich nur Weitererzählungen. Spannender sind Visionen und weil wir Visionen haben, machen wir keine Prognosen. Unsere Vision ist eine sozial, ökonomisch und ökologisch nachhaltige Mobilität. Deshalb engagieren wir uns seit der Gründung der Akademie für die Elektromobilität.

Was gehört für Sie alles zur Elektromobilität?

Wir sehen fast bei jedem Verkehrsträger eine Elektrifizierung – vom Velo bis zum Fluggerät. Ich denke an die Mikromobilität mit eBikes und eTrottinetts, an Alltagsautos und Sportwaqen, an kleine Lieferwägen und grosse Camions . Aber auch an die Busse des öffentlichen Verkehrs, die heute oft noch mit Diesel herumfahren. Vielleicht gehört bald schon die Urban Air Mobility dazu mit ihren Lufttaxis und Lieferdrohnen. Im Landverkehr werden wir schon bald nur noch vom Strom als alleinigen End-Energieträger abhängig sein, es wird einfach alles (teil-)elektrisch!

Ihre Mobilitätsakademie spricht unter anderem von "Demotorisierung urbaner Verkehre und einer Renaissance des Velos". Konkret?

Die städtische Verkehrspolitik setzt seit Jahren ganz klar auf die Förderung der aktiven Mobilität. Wir sprechen nicht mehr von Langsamverkehr, denn wir sind heute mit dem Velo in der Stadt deutlich schneller unterwegs als mit dem Auto. So erlebt das Velo eine Renaissance, welche auf die Elektrifizierung und Diversifizierung des Velos zurückzuführen ist. Es ist nicht mehr einfach ein Drahtesel. Heute haben wir auf dem Markt für jeden Zweck ein Velo. Es gibt fast kein Mobilitätsbedürfnis mehr, das man in der Stadt nicht mit dem Velo befriedigen könnte.

Denken Sie dabei auch an Road Pricing?

Nein, Road Pricing gehört nicht zum Begriff der Demotorisierung, sondern ist eine Lenkungsmassnahme. Bei der Demotorisierung sind wir mit anderen, weniger oder kleineren Motoren unterwegs. Die Elektrifizierung ist de facto eine Demotorisierung, nämlich weg vom schweren und komplexen Verbrennungsmotor, hin zum leichten und einfachen Elektromotor.

Die Anschaffung eines vollelektrischen Autos ist heute noch sehr kostspielig. Auch fehlen in Einstellhallen für Mietende und Stockwerkeigentümer oft die nötigen Ladestationen. Ist der Kauf solcher Fahrzeuge heute noch ein Privileg für Eigenheimbesitzer?

Immer weniger. Aber es ist schon so, dass die Innovation im Automobilmarkt oft über das Premiumsegment kommt.. Heute findet man aber in jedem Modellsegment und in jeder Preiskategorie Elektroautos. Die Gründe für den teils noch hören Anschaffungspreis als beim verbrennungsmotorischen Modell, liegen oft auch in der besseren Ausstattung. Aber wir dürfen nicht nur den Anschaffungspreis betrachten, Elektroautos sind wartungsärmer, die zurückgelegten Elektro-Kilometer sind deutlich günstiger. Je nach Modell ist man nach wenigen Jahren und etwa 30'000 Kilometern in einem solchen Fahrzeug mit tieferen Kosten unterwegs. Künftig werden die Batterien immer günstiger, wir sprechen dann von Preisparität, das elektrische Fahrzeug wird in der Anschaffung nicht mehr teurer sein. Diese Preisparität dürften wir spätestens mit des Jahrzehnts erreichen.

Auf Bundesebene wird zurzeit ein Ladeinfrastrukturziel angepeilt, was unter anderem das Laden in Überbauungen vereinfachen soll. Die Sensibilität ist also da, dass es für den Massenmarkt auch genügend Ladestationen in Mietobjekten gibt. Es gibt immer weniger Gründe, nicht auf Elektromobilität umzusteigen!

Gibt es weitere alternative, umweltverträglichere Antriebssysteme?

(lacht) Ja, die Muskelkraft! Wenn wir motorisch unterwegs sind, ist sicherlich Elektrizität die energieeffizienteste und umweltfreundlichste Energie. Die Muskelkraft wird durch die Elektrizität quasi veredelt. Wir haben heute beispielsweise mit dem eBike ein Mobilitätswerkzeug, das die Muskelkraft mit Hilfe der Batterie unterstützt. Das ist für mich die ideale urbane Antriebsart.

Wie lange fahren wir in der Schweiz noch mit Verbrennungsmotor?

Sicher nicht länger als zehn Jahre. Gewiss, wir werden noch länger Old- und Newtimer-Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor im Verkehr sehen, die kann man nicht einfach von der Strasse verbannen. Aber Neufahrzeuge werden Sie in zehn Jahren nicht mehr ohne Stecker erhalten! 

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